„Herzschlag des Waldes“
: Mit Gedichten kann man Dinge beschreiben, Geschehnisse wiedergeben, Gefühle ausdrücken. Im Rahmen unseres Wettbewerbs haben wir Werke erhalten, die sich ganz persönlich mit dem Thema Regenwald beschäftigen. Hier veröffentlichen wir das dritte, von uns vorausgewählte Gedicht. Anita Rusterholz hat es geschrieben.
Von den eingesandten Texten sind einige recht kurz – vier oder fünf Zeilen – andere deutlich länger. Das Gedicht, das wir Ihnen hier als drittes unseres Wettbewerbs vorstellen wollen, gehört zur zweiten Kategorie, sticht dabei nicht allein wegen seiner Länge hervor. Anita Rusterholz hat es geschrieben. (Die ersten beiden Texte finden Sie unter diesem.)
Herzschlag des Waldes
„Im Atem der Erde
stehen sie –
Kathedralen aus Licht und Blatt,
Säulen aus Wurzeln,
die tiefer greifen
als unsere Erinnerung.
Der Regenwald ist kein Ort.
Er ist ein Pulsschlag.
Ein Kreislauf aus Nebel und Gesang,
aus fallenden Tropfen
und steigender Hoffnung.“
Zwischen Farnen und flirrendem Grün
zieht der Orang-Utan seine leisen Bahnen,
ein rotes Leuchten im Blättermeer.
Vögel schreiben mit ihren Flügeln
Gedichte in den Morgen.
Flüsse tragen Geschichten
von Fischen, Kindern, Mangroven,
die einst wie schützende Arme
die Küsten hielten.
Und Menschen –
Hüterinnen des Samens,
Hüter des Feuers,
mit Wissen älter als jedes Börsenbarometer –
lesen im Rascheln der Blätter
wie andere in Büchern.
Sie nennen den Wald nicht Ressource.
Sie nennen ihn Zuhause.
Doch das Dröhnen der Sägen
schneidet durch den Gesang.
Feuer frisst sich
durch Jahrtausende.
Für Palmöl,
für Rendite,
für eine Zahl im Quartal.
Mangroven fallen –
und mit ihnen der Schutz.
Wellen finden kein Wurzelwerk mehr,
nur Leere.
Böden werden zu Narben,
Flüsse zu braunen Klagen.
Orang-Utans verlieren den Ast,
an dem ihre Zukunft hing.
„Nach uns die Sintflut“
flüstert die Gleichgültigkeit.
Doch die Sintflut
ist längst unterwegs.
Sie trägt die Hitze,
den tauenden Permafrost,
die brennenden Wälder,
die Murgänge der Berge
und die Verzweiflung derer,
deren Hände auf Plantagen
die Früchte pflücken,
die ihnen selbst nicht gehören.
Und doch –
unter der Asche
schläft Samen.
Menschen stehen auf.
Indigene Gemeinschaften verteidigen
mit blossen Händen
und grosser Würde
ihr Stück Welt.
Forscherinnen warnen.
Kinder stellen Fragen,
die lauter sind als Lobbyflüstern.
Gärten wachsen,
Permakultur webt
leise Gegenentwürfe.
Der Wald ist nicht nur Opfer.
Er ist Versprechen.
Wenn wir ihn lassen,
heilt er.
Wenn wir ihn schützen,
schützt er uns.
Er kühlt die Fieber der Städte,
bindet den Atem des Himmels,
hält Wasser,
Leben,
Zukunft.
Vielleicht beginnt Rettung
nicht im Parlament,
nicht im Vorstandssaal,
sondern im Gewissen.
Im Mut, Nein zu sagen.
Im Mut, weniger zu wollen.
Im Mut, hinzusehen.
Der Regenwald ruft nicht laut.
Er atmet.
Und jeder Atemzug fragt:
Wie viel sind wir bereit zu verlieren,
bevor wir begreifen,
dass wir uns selbst verlieren?
Lasst uns seine Hüter sein.
Nicht morgen.
Jetzt.
Damit Kinder wieder hören,
wie der Wald klingt,
wenn er nicht brennt –
sondern lebt.
In den kommenden Wochen veröffentlichen wir hier weitere Gedichte unseres Wettbewerbs. Wegen der großen Zahl der Einreichungen müssen wir dafür eine Vorauswahl treffen.
Hier ist das zweite Gedicht, das wir vorausgewählt haben:
Lass mich von Regenwäldern träumen
Lass mich von Regenwäldern träumen,
Dort, wo die Papageien leben
Und über Blütenblättersäumen
Handtellergroße Falter schweben,
Flughunde von Baumriesen gleiten,
Um deren Stämme sich Lianen schlingen,
Kakadus sich um Früchte streiten
Und Gibbons ihre Lieder singen.
Lass mich von Regenwäldern träumen,
Wo durch das Dickicht Tiger streifen,
Während von Tamarindenbäumen
Tukane ihren Warnruf keifen,
Wo in des Tages dumpfer Schwüle
Kolibris über Blüten schwirren
Und wo im nächtlichen Gewühle
Heerscharen von Insekten sirren.
Lass mich von Regenwäldern träumen,
Wo unerforschte Welten lauern;
Lass mich von Regenwäldern träumen,
Die mich und dich und unsere Enkel überdauern.
Autorin ist Angelika Lotfey.
Dies ist das erste Gedicht des Wettbewerbs:
Ein Tropfen Hoffnung
Wenn sich in einem einzigen Tropfen
ein ganzer Wald spiegelt
werde ich ganz still
ahnungsvoll
dass es noch viel mehr gibt
als ich in diesem einen Tropfen sehen kann.
Wenn in dem Ruf eines bunten Vogels
die Hoffnung der ganzen Welt liegt
werde ich ganz still
ahnungsvoll
dass da viele sind
die dem Ruf der Hoffnung folgen.
Wenn die Schwere der Luft
sich auf mein Gemüt legt und mich niederdrückt
werde ich ganz still
ahnungsvoll
dass ich nicht ruhen darf
sondern aufstehen muss für eine bessere Welt.
Wenn die Sonne dann hinter den Waldriesen schlafen geht
und Wachstum in seiner Fülle mich erinnert
werde ich ganz still
ahnungsvoll
dass es immer ein Morgen gibt.
Autorin ist Susanne Gerstenberg.
In den kommenden Wochen veröffentlichen wir hier weitere Gedichte unseres Wettbewerbs. Wegen der großen Zahl der Einreichungen müssen wir dafür eine Vorauswahl treffen.
Sie haben Lust bekommen, selbst einen Text zu verfassen? Oder haben einen in der Schublade? Schicken Sie ihn gern an wettbewerb@regenwald.org. Informationen über den genauen Ablauf finden Sie hier. Je mehr Stimmen wir für den Regenwald sammeln, um so beeindruckender.
Im Juni stimmen unserer Unterstützerinnen und Unterstützer über das beste Regenwald-Gedicht ab. Wir erklären rechtzeitig, wie die Abstimmung funktioniert.