Liberia: Waldschutz statt CO₂-Deals!
In Liberia sind die letzten großen Waldgebiete Westafrikas erhalten. Sie sind für die Artenvielfalt und das Klima von entscheidender Bedeutung. Dass es sie noch gibt, ist den Menschen zu verdanken, die in ihnen leben. Regierungspläne zum Handel mit Kohlenstoff-Zertifikaten bedroht jetzt ihre Rechte – und müssen gestoppt werden.
An: Präsident Joseph Nyuma Boakai
„Unterzeichnen Sie die Regulierung über den Kohlenstoffmarkt nicht. Er nützt nur Projektentwicklern, schützt das Klima nicht und schadet den Menschen.“Westliche Schimpansen sind das Prunkstück von Liberias Natur – ihr Überleben hängt davon ab, wie gut ihr Lebensraum geschützt wird. Der Bevölkerung kommt dabei eine zentrale Rolle zu: Die Menschen, die im und vom Wald leben, bewahren ihn seit Generationen. Das Gesetz erkennt das an: 70 Prozent der Wälder gehören den Gemeinden.
Diese Rechte sind akut bedroht: Die Regierung will mit Kohlenstoff-Zertifikaten aus dem Wald Geld einnehmen. Unternehmen wie Fluggesellschaften kaufen solche Carbon Credits, um sich ein klimafreundliches Image zu verschaffen, während sie weiterhin die Umwelt belasten. Kritiker weltweit lehnen diese Gutschriften als Scheinlösung für die Klimakrise ab.
Liberianische Umweltorganisationen schlagen Alarm: Die Waldbevölkerung und die Zivilgesellschaft seien bei der geplanten Kohlenstoffmarktpolitik kaum beteiligt, der Weg dorthin sei „erheblich beschnitten“ worden.
„Der Kohlenstoffmarkt weicht der Wahrheit aus. Er drängt die Menschen, die vom Wald leben, an den Rand und nimmt ihnen ihre Würde“, sagt James Otto, Leiter des Sustainable Development Institute (SDI) in Monrovia.
„Die Regierung muss ehrlich und aufrichtig handeln, einen offenen Dialog mit den Waldgemeinschaften führen und deren Prioritäten bei der Entwicklung der Kohlenstoffpolitik an die erste Stelle setzen.“
Mehr als 25 Organisationen, darunter SDI, fordern Präsident Joseph Nyuma Boakai deshalb auf, die Richtlinie nicht zu unterzeichnen.
In einem Schreiben heißt es, dass es sich beim Kohlenstoffmarkt „nicht um ein routinemäßiges Verwaltungsinstrument“ handele. Es sei die Grundlage dafür, wie Liberias Wälder und Kohlenstoffressourcen verwaltet und monetarisiert werden.
Bitte unterstützen Sie die Umweltschützer gegen die Regulierung – sie nützt Projektentwicklern und Händlern, schützt das Klima nicht und schadet den Menschen.
Hier dokumentieren wir den Brief des Netzwerks NGO Coalition of Liberia im Original:
His Excellency Joseph Nyuma Boakai, Sr.
President of the Republic of Liberia
Executive Mansion
Capitol Hill, Monrovia
April 30, 2026
Your Excellency:
On behalf of the NGO Coalition of Liberia, a network of over 25 Civil Society Organizations (CSO) working in the Forest Sector, extend sincere compliments and appreciation for Your Excellency’s leadership and continued commitment to advancing Liberia’s sustainable development agenda, particularly in the areas of climate action and natural resource governance.
We write, with utmost respect, to urgently appeal that Your Excellency defer the endorsement and signing of Liberia’s Draft Carbon Market Policy until a genuine, inclusive, and credible national validation process has been conducted.
While recognizing the efforts made by the Environmental Protection Agency, the Carbon Market Authority, and the Forestry Development Authority in advancing this policy, we express growing concern that the process leading to its “final validation” has been significantly truncated especially with respect to the meaningful participation of key stakeholders. In particular, we note that the validation process at both the technical and national levels did not involve the full and meaningful participation of key stakeholders. Forest-dependent communities, civil society organizations, and other critical actors — whose engagement is essential to the legitimacy, implementation, and long-term success of this policy — have not been adequately consulted in a manner that meets the standards of inclusivity, transparency, and informed consent. But most importantly, there remain fundamental disagreements on a number of critical issues that require further discussion.
Your Excellency, Liberia’s carbon market policy is not a routine administrative instrument. It is a foundational framework that will determine how Liberia’s forests, lands, and carbon assets are governed, monetized, and potentially committed under long-term agreements. Importantly, this policy framework will also serve as the basis for developing future legislation on carbon marketing and a broader national climate law. As such, any gaps, weaknesses, or exclusions at this stage risk being carried forward and institutionalized within binding legal frameworks that will shape the sector for generations.
The implications for national sovereignty. community land rights. benefit-sharing, and intergenerational equity are therefore profound.
We respectfully note that endorsing such a policy without a robust national validation risks:
- Undermining the legitimacy and public trust in national policy, as well as damaging the international reputation of Liberia, given that the policy potentially undermines Liberia’s ability to maintain its bilateral investment treaties and fulfil its Nationally Determined Contributions under the Paris Agreement;
- Exposing communities to arrangements that they neither fully understand nor have consented to;
- Creating conditions for inequitable or unfavourable carbon agreements that may be difficult to renegotiate;
- Embedding structural gaps into future legislation on carbon markets and climate governance.
It is therefore both prudent and in the national interest to ensure that this policy is grounded in a process that reflects true national consensus - not one shaped by compressed timelines or external pressures.
In this regard, we respectfully urge that:
- The endorsement and signing of the Draft Carbon Market Policy be deferred;
- A comprehensive national validation process be convened, ensuring the full and effective participation of’communities, civil society. and other stakeholders across affected regions;
- Adequate time and space be provided for technical review, public dialogue, and incorporation of stakeholder inputs before final approval.
We remain confident in Your Excellency’s commitment to protecting the interests of the Liberian people and ensuring that the country’s natural resources are governed in a manner that is just, transparent, and beneficial to all.
Please accept, Your Excellency, the assurances of our highest consideration.
An: Präsident Joseph Nyuma Boakai
Exzellenz, Herr Präsident Joseph Nyuma Boakai,
Liberia ist weltweit für seinen herausragenden Waldschutz bekannt. Westliche Schimpansen gehören zu den Aushängeschildern des Landes, und das Überleben ihres Lebensraums ist vor allem den lokalen Gemeinschaften zu verdanken, die die Wälder schützen, von denen sie leben.
Wir sind zutiefst besorgt, dass die vorgeschlagene Kohlenstoffmarktpolitik diesen Gemeinschaften schadet und sie vom Umweltschutz entfremdet. Während sie Liberias Wälder seit Generationen bewahrt haben, läuft die Politik Gefahr, die Regierung, Projektentwickler und Kohlenstoff-Händler weitaus stärker zu belohnen.
Wir befürchten, dass die geplante Kohlenstoffmarktpolitik ohne eine gründliche nationale Debatte große Risiken birgt.
- Sie könnte das Vertrauen der Bevölkerung in die nationale Politik untergraben und den internationalen Ruf Liberias beschädigen. Für Liberia könnte es schwierig werden, seine Verpflichtungen des Pariser Abkommens zu erfüllen.
- Gemeinden werden Vereinbarungen ausgesetzt, die sie weder vollständig verstehen, noch haben sie denen zugestimmt. Das ist Nährboden für Konflikte zwischen Gemeinden und Investoren.
- Es besteht die Gefahr unfairer Kohlenstoff-Abkommen, die später kaum noch geändert werden können.
- Es werden strukturelle Lücken in künftige Gesetzgebung zu Kohlenstoffmärkten und Klimapolitik eingebaut.
Wir fordern nachdrücklich:
- Die geplante Kohlenstoffmarktpolitik darf jetzt nicht unterzeichnet werden.
- Es braucht einen offenen nationalen Beteiligungsprozess, an dem Gemeinden, Umweltorganisationen und andere betroffene Gruppen auf Graswuzelebene wirksam beteiligt werden.
- Vor einer Entscheidung muss genügend Zeit für öffentliche Diskussionen, unabhängige Prüfungen und die Berücksichtigung aller Stellungnahmen eingeräumt werden.
Mit freundlichen Grüßen
Wie das Klima und der Regenwald zusammenhängen
Regenwälder sind komplexe Ökosysteme, in dem Pflanzen, Pilze und Tiere eng miteinander vernetzt sind. Für das lokale und globale Klima spielen sie eine herausragende Rolle. Pflanzen nehmen das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) aus der Luft auf. Mit Hilfe von Wasser und Sonnenlicht bilden sie Zucker und daraus andere Pflanzenbausteine. So wird Kohlenstoff in Stämmen, Blättern und Wurzeln gebunden. Frei werdender Sauerstoff wird an die Atmosphäre abgegeben. Den gesamten Prozess nennt man Photosynthese. Das Bild der Wälder als „Lungen der Erde“ ist zwar nicht ganz stimmig, jedoch einprägsam.
Studien zufolge binden Regenwälder 250 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in ihren Bäumen. Das entspricht global betrachtet dem 22-fachen der menschengemachten Treibhausgas-Emissionen pro Jahr.
Regenwälder produzieren die hohen, auf das Jahr gleichmäßig verteilten Niederschläge zu einem großen Teil selbst. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Evapotranspiration, also die Feuchtigkeit, die die Pflanzen über die Blätter abgeben. In den Wäldern ist es zwar heiß und schwül, die Wolken strahlen jedoch einen großen Teil des Sonnenlichts in die Weltraum zurück – und kühlen somit die Atmosphäre. Ohne diesen Effekt wäre es in den Gebieten noch wärmer.
Als Kohlenstoffspeicher und Regenmacher spielen die intakten Wälder eine wichtige Rolle im Klimageschehen und eine Schlüsselrolle ihm Kampf gegen Klimakatastrophe.
Das Problem: Klimakrise und Waldvernichtung
Doch die Regenwälder können ihre Funktion als Klimastabilisator immer weniger erfüllen. Im Gegenteil: Durch ihre Vernichtung etwa für Plantagen, Weiden oder Bergbauprojekte gehen zentrale Kohlenstoff-Speicher und -Senken verloren. Stattdessen können sich Regenwaldgebiete zu Quellen von Treibhausgasen entwickeln: insbesondere die Brandrodung und die Nutzung der gerodeten Flächen etwa als Rinderweiden und für den Anbau von Soja als Tierfutter verursachen Emissionen von Kohlendioxid und Methan. Besonders verheerend wirkt sich die Zerstörung der Torfwälder aus.
Laut einer im Magazin Nature veröffentlichten Studie könnten sich die Regenwälder allein aufgrund sich verändernder klimatischer Verhältnisse und Wachstumsbedingungen ab dem Jahr 2035 von CO2-Speichern zu CO2-Quellen entwickeln – und die Klimakatastrophe weiter antreiben.
Weil das Ökosystem Regenwald vielfältig verwoben ist, kann das gesamte Geflecht leiden, wenn es an einer Stelle beschädigt wird. So etwa beim Wasserkreislauf. Treten infolge der globalen Klimaveränderungen trockenere Perioden auf, kann dieser Kreislauf zusammenbrechen. Die immergrünen, üppigen Regenwälder werden zu artenärmeren Savannen. Das lokale Klima ändert sich: es wird trockener und heißer.
Besonders bedrohlich sind die 18 so genannten Kipppunkte im Klimasystem: Hat beispielsweise in Amazonien die Klimaveränderung ein bestimmtes Ausmaß erreicht, ist der Prozess und dabei der Verlust des Regenwalds in der heutigen Form nicht mehr zu stoppen.
Klar ist: Die Klimakrise ist vom Menschen gemacht. 98 Prozent der Wissenschaftler, die sich mit der Klimathematik befassen, stimmen dem zu. Weil das Klima ein hochkomplexes System ist, entdecken Forscher laufend neue Zusammenhänge, interpretieren Daten unterschiedlich, revidieren Prognosen. Das ist in der Wissenschaft völlig normal. Die Erkenntnisse der Klimatologen werden allerdings immer alarmierender.
Die Lösung: Regenwaldschutz ist Klimaschutz
Für den Klimaschutz müssen Regenwälder erhalten werden, weil ihre weitere Vernichtung die Katastrophe verschlimmern würde und sie als Kohlenstoff-Speicher unverzichtbar sind. Klimaschutz ist somit Regenwaldschutz und umgekehrt.
- Wir müssen Regenwälder erhalten und Schäden heilen. Wälder sind dabei mehr als Kohlenstoffspeicher und -senken, nämlich vielfältige Ökosysteme und Lebensraum von Millionen Menschen.
- Wir müssen das Klima schützen und gleichzeitig die Biodiversität bewahren. Klimakatastrophe und Artensterben sind zwei existentielle Krisen, die wir Hand in Hand bewältigen müssen.
- Wir müssen die Rechte indigener Völker, die in Regenwaldgebieten leben, stärken. Sie sind häufig die besten Waldschützer.
- Wir müssen unsere Lebens- und Wirtschaftsweise grundlegend ändern. Wir müssen unseren Konsum senken, statt ihn mit „grünen Produkten“ aufrecht zu erhalten. Wir müssen mit Nahrungsmitteln sorgsamer umgehen, weniger wegwerfen und sollten uns vegetarisch oder idealerweise vegan ernähren.
- Wir müssen aufhören, Kohle, Erdöl und Erdgas zu verfeuern.
- Wir müssen bei Gewinnung und Verbrauch von Energie und Rohstoffen Klima, Umwelt und Menschenrechte schützen.
- Wir müssen falsche Klimapolitik reformieren: Wir müssen den Irrweg von Biotreibstoffen, insbesondere wenn sie auf Palmöl, Soja oder Zuckerrohr basieren, beenden und die Verfeuerung von Bäumen in Kraftwerken stoppen.
- Wir sagen Nein zum „Ablasshandel“ mit Offset-Programmen, bei denen beispielsweise Firmen Umweltschutzmaßnahmen bezahlen, um im Gegenzug weiterhin Treibhausgase emittieren zu dürfen. Wir lehnen angeblich klimaschonendere Brücken-Technologien wie den Ersatz von Kohle durch Erdgas ab.
Basierend auf Liberias Land Rights Act
Detaillierte Informationen und Kritik an Kohlenstoff-Zertifikaten und Carbon Credits finden Sie auf unserer Themenseite „Klima“ unter der Überschrift „Mit Ablass-Handel Emissionen senken?“
Die Kernaussage: Nach 15 Jahren Erfahrung und trotz Milliardensummen haben Offset-Modelle, darunter Kohlenstoff-Zertifikate, kaum zum Klima- und Waldschutz beigetragen und dienen häufig dem Greenwashing. Schlimmer noch: Sie verzögerten echte Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen und schadeten damit dem Klima. Außerdem bestehe die Gefahr, dass Offset-Projekte zu Landkonflikten und Landraub führen und die Rechte der indigenen und örtlichen Bevölkerung missachten.
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