Regenwald Report 02/2026 Ecuador: „Wir haben das Recht der Natur auf unserer Seite“
Seit mehr als 30 Jahren hindern die Menschen im Intag mächtige Bergbau-Konzerne daran, für den Abbau von Kupfer und Molybdän die Bergregenwälder abzuholzen. Von Beginn an unterstützt Rettet den Regenwald ihren mutigen Widerstand. Von dieser Erfolgsgeschichte berichten unsere Lateinamerika-Experten Guadalupe Rodríguez und Klaus Schenck.
Der Regenwald Report ist kostenlos und erscheint vierteljährlich, er enthält aktuelle Berichte über Projekte und Aktionen. Eine Zustellung per Post ist nur innerhalb Deutschlands möglich.
Über schmale Pfade geht es von dem kleinen Dorf Junín die Berghänge des Toisan-Gebirges hinauf. Zunächst durch Viehweiden, dann wird die Vegetation immer dichter. Kolibris schwirren an Blütenständen; Baumfarne, Riesenkräuter, kristallklare Bäche und Wasserfälle begleiten unseren Weg. Schließlich tauchen wir ein in die magische Welt der Bergregenwälder: Nebelschwaden wabern zwischen den Bäumen, deren Stämme mit dichten Polstern aus Moosen, Farnen und Aufsitzerpflanzen bepackt sind. Wie Schwämme saugen sie die Feuchtigkeit der Wolken auf und geben sie nur langsam wieder ab.
So haben wir die Natur erlebt, als wir im Jahr 2000 nach Ecuador reisten – in den nördlich der Hauptstadt Quito gelegenen Intag. Das Gebiet am Rande der Andenkette gehört zur biogeografischen Region des Chocó, die sich von Panama entlang der Pazifikküste durch Kolumbien bis nach Ecuador erstreckt. Fast 500 Vogel- und 45 Säugetierarten kommen im Toisan-Gebirge vor. Anfang der 1990er-Jahre hatte der Staat über die Köpfe der dort lebenden Bevölkerung hinweg Bergbau-Konzessionen vergegen – für eine Fläche von mehr als 4.000 Hektar. So waren die Menschen völlig ahnungslos, als eines Tages Arbeiter und Ingenieure in den Bergregenwald oberhalb von Junín eindrangen. Die japanische Bergbaufirma Bishimetals begann dort mit Probebohrungen – mit Finanzierung der staatlichen japanischen Kooperationsagentur JICA.
Ihr Ziel war es, tief unter dem Toisan-Gebirge liegende Kupfer- und Molybdän-Vorkommen zu vermessen. Zur Ausbeutung sollten die artenreichen Wälder, ganze Berghänge, Täler und Flüsse weichen. Auch die Menschen und mehrere kleine Dörfer sollten gewaltigen Gruben, Abraumhalden und Minenschlammbecken Platz machen.
Doch die Menschen im Intag begannen sich zu organisieren und Widerstand aufzubauen. Eine wichtige Rolle spielt dabei bis heute der Aktivist Carlos Zorrilla, der die Umweltorganisation DECOIN gegründet hat. Er stellte die Kontakte mit Organisationen im In- und Ausland her und koordinierte die Zusammenarbeit. Seit 1994 unterstützt Rettet den Regenwald die Bevölkerung im Intag mit Spendengeldern, Netzwerk-, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit.
Treffpunkt für Bildung und Aktionen
„Sie können nun nicht mehr einfach kommen und uns täuschen. Wir haben uns das Land zu eigen gemacht, kennen jetzt unsere Rechte, wissen, was Mutter Erde uns schenkt und was passieren kann, wenn Bergbau betrieben wird“, erklärt Marcia Ramírez aus Junín.
Sie war Teenager, als wir das erste Mal in den Intag gefahren sind und ist mit dem Widerstand groß geworden. Jetzt führt sie mit Hugo Ramírez die Initiativen zum Schutz der Natur im Dorf an.
Er berichtet uns von der Touristenunterkunft nahe Junín, die vor Jahren mit finanzieller Hilfe von Rettet den Regenwald gebaut wurde. „Das Haus ist unser Treffpunkt, dort organisieren wir uns. Heute sind wir 35 Mitglieder und ich bin der Vorsitzende des Ökotourismus-Vereins. Wir beherbergen viele Menschen, die kommen, um unseren Kampf zu unterstützen. Schulklassen besuchen uns, wir zeigen ihnen den Urwald und vermitteln ihnen den Wert sauberer Flüsse.“
Brennpunkt des Widerstands ist der Bergregenwald direkt über dem Metallvorkommen. Mit unserer Unterstützung konnten dort Grundstücke gekauft, an das Dorf Junín übertragen und insgesamt fast 3.000 Hektar zum geschützten Gemeindewald erklärt werden. Wasserquellen gibt es dort und gefährdete Tier- und Pflanzenarten. „Wir fordern das ein, was gerecht ist“, sagt Marcia. „Darauf beruht unser Erfolg.“
Jahrelang haben die Menschen den Zugang zum Dorf und Wald für das Personal der Bergbaufirmen und die angeheuerten Milizen versperrt. Diese antworteten mit Gewalt, während der Staat die Einwohner verfolgte. Zahlreiche Personen, darunter Hugo, wurden mit fingierten Anschuldigungen wie Rebellion und Terrorismus polizeilich gesucht und mussten sich monatelang verstecken. Andere wie sein Bruder Javier wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt.
„Die Bergbaufirmen haben uns nichts gebracht: nur Spaltung und Störung des Friedens“, erinnert sich Marcia. „Die letzten beiden Firmen haben 90 Probebohrungen bis zu 1.600 Meter tief durchgeführt. Schon das hat zu Umweltauswirkungen geführt“, fügt Hugo hinzu. „Wir hoffen, dass mehr Wissenschaftler in unser Gebiet kommen, um die vielen endemischen Arten weiter zu erforschen.“ Auch die Jugendlichen sollen eingebunden und darin ausgebildet werden, die Bestände von Amphibien und Insekten zu überwachen, Wildtierkameras einzusetzen und die Wasserqualität zu kontrollieren.
Alle Bergbaufirmen mussten aufgeben
Den Menschen im Intag ist es mit Unterstützung von Organisationen aus Ecuador und dem Ausland gelungen, die Bergbaupläne von fünf internationalen Konzernen und zehn verschiedenen ecuadorianischen Regierungen zu stoppen: neben Bishimetals die kanadischen Unternehmen Ascendant Copper und Copper Mesa Mining, der chilenische Kupferriese CODELCO und das staatliche ecuadorianische Bergbauunternehmen ENAMI.
Auch auf politischer und legaler Ebene gab es zahlreiche Erfolge. „2008 erklärte die damalige verfassungsgebende Versammlung fast 600 Bergbau-Konzessionen für nichtig, darunter bei uns“, sagt Hugo. „2023 hat unser Provinzgericht zugunsten der Gemeinden, der Wälder und der Tierarten geurteilt und die Umweltgenehmigung von CODELCO widerrufen. Ein Jahr später hat das Verfassungsgericht das Urteil mit Verweis auf die ‚Rechte der Natur‘ bestätigt.“
Nun soll die australische Firma Hancock Prospecting an dem Kupfervorkommen interessiert sein. „Mit den Bodenschätzen unter unseren Füßen wird dieser Kampf für immer bestehen. Man darf nicht davonlaufen und auch nicht müde werden“, sagt Marcia. „Die Regierung hat politische und wirtschaftliche Macht, aber wir haben das Recht der Natur auf unserer Seite.“
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