Regenwald Report 03/2026 Indonesien/Sumatra
Seit acht Jahren wehrt sich die indigene Bevölkerung von Beutong gegen den drohenden Goldabbau im Leuser-Ökosystem. Mit ihrem Widerstand vor Ort haben die Menschen eine weltweite Kampagne ausgelöst; entstanden ist ein Netzwerk aus Studierenden und Umweltverbänden in ganz Indonesien – mit Unterstützung von globalen Organisationen wie Rettet den Regenwald und Yes to Life, No to Mining.
Der Regenwald Report ist kostenlos und erscheint vierteljährlich, er enthält aktuelle Berichte über Projekte und Aktionen. Eine Zustellung per Post ist nur innerhalb Deutschlands möglich.
„Lieber sterben wir, als dass eine Goldmine in unser Tal kommt!“, ruft Saudah entschlossen. Die Sprecherin des Frauenvereins aus Beutong demonstriert mit Hunderten Einwohnern ihrer Gemeinde vor dem Sitz des Distriktchefs. Die Frauen halten Banner hoch: „Nein zu Bergbau! Keine Goldmine im Wald von Beutong!“ Polizisten und Soldaten umzingeln die Menge. Es ist der 22. Juni 2026 und es ist nicht das erste Mal, dass das ganze Dorf den Weg in die Stadt Nagan Raya auf sich genommen hat. Vier Tage zuvor hat Saudah mit einer kleinen Delegation im Parlament einen Brief an Präsident Prabowo Subianto überreicht, unterschrieben von 87 Organisationen aus aller Welt, darunter Rettet den Regenwald. Das Fernsehen berichtete, Saudah wurde interviewt und der Widerstand gegen die geplante Goldmine war Thema in Radiosendungen.
Die Gemeinde Beutong liegt in einem Tal im Leuser- Ökosystem, dem einzigen Platz auf dieser Erde, in dem Orang-Utans, Tiger, Elefanten und Nashörner im selben Habitat leben. Es ist eines der bedeutendsten Schutzgebiete Indonesiens, von atemberaubender Schönheit und Vielfalt. Doch in den Randzonen haben illegaler Holzeinschlag und Wilderei, Palmölplantagen und Straßen das Leuser-Ökosystem bereits beschädigt. In Beutong aber ist die Natur noch intakt. Entlang des Flusses Meureubo erstrecken sich kleine Dörfer, umgeben von Reisfeldern. Die hohen Berge sind bewaldet. Wie ein schützender Gürtel liegen Waldgärten zwischen den Siedlungen im Tal und dem Regenwald oben in den Bergen. Die Menschen betreiben eine traditionelle Form der Agroforstwirtschaft. Durch ihre tägliche Anwesenheit schrecken sie Holzfäller und Wilderer ab. Orang-Utans oder Gibbons nutzen die Waldgärten, da sie dort Früchte finden, ohne gejagt zu werden. Tiger bleiben im Regenwald versteckt, noch nie hat ein Tiger die Menschen erschreckt.
Goldvorkommen
Das Leben in Harmonie mit der Natur ist jedoch gestört, denn im Leuser-Ökosystem liegen wertvolle Mineralien. Vor acht Jahren erhielt eine Bergbaufirma eine Lizenz über 10.000 Hektar. Das Dorf wehrte sich vehement und 2020 hob der Oberste Gerichtshof die Genehmigung auf. Drei Jahre später tauchte eine neue Bergbaufirma auf. „Wir wehren uns gegen Bergbau bis ans Ende aller Tage!“, erklärte Saudah. Für den neu erwachten Widerstand brauchten die Menschen von Beutong aber Verstärkung und internationale Aufmerksamkeit.
Ein Netzwerk des Widerstands
Auf ihre Bitte hin riefen wir die Petition „Keine Goldmine im Wald der Tiger auf Sumatra!“ ins Leben. Das war der Startschuss für den Aufbau eines strategischen Netzes. Studenten- und Jugendgruppen verankern den Protest an den Universitäten. Unter Slogans wie „Das Vergessen verweigern, den Dschungel bewahren“ organisieren sie Proteste und Seminare. Lokale NGOs dokumentieren die Umweltauswirkungen, schaffen Kontakte zu Medien und Behörden und engagieren sich im globalen Netzwerk „Yes to Life, No to Mining“. Der Film „Die Meister des Waldes“ über das indigene System des Waldschutzes erreicht eine breite Öffentlichkeit.
Für die politische Hebelwirkung in Jakarta sorgen Organisationen wie Forest Watch Indonesia oder die Allianz der Indigenen, für den Blick der Investoren auf Hochrisiko-Projekte unsere Petition mit 90.000 Unterstützern.
Im Laufe von zwei Jahren übergeben wir die Petition an Parlament, Politik und Polizei – insgesamt zwölf Mal. Mit Erfolg: Als Tausende Menschen, darunter Saudah und andere Indigene, Akademiker und Studenten tagelang das Büro des Gouverneurs in der Hauptstadt Banda Aceh belagern, wird der politische Druck so immens, dass der Gouverneur einlenkt und sich offiziell gegen die Mine stellt. Die neue Bergbaufirma gibt auf.
Doch im April 2026 erfahren wir, dass zwei neue Minenbetreiber heimlich neue Schürfrechte erhalten. Dank der Vernetzung erreicht diese Nachricht binnen weniger Stunden die internationale Bühne.
87 Organisationen schließen sich dem Brief aus Beutong an den Präsidenten an und warnen vor den Klimafolgen und Menschenrechtsverletzungen. Das macht es lokalen Behörden unmöglich, den Widerstand auszusitzen oder auszuhebeln. Als dann im Juni durchsickert, dass in der Provinz Großinvestitionen in Höhe von
12 Milliarden Euro im Bergbausektor geplant sind, wird klar, dass Beutong kein Einzelfall ist, dass hinter den beiden neuen Bergbaufirmen mächtige Interessen stehen, die die Vorkommen von 2,4 Millionen Tonnen Kupfer, 2,1 Millionen Unzen Gold sowie Silber und Molybdän ausbeuten wollen.
Wir finden heraus, dass die beiden Bergbaufirmen eng mit der Green Power Group verflochten sind. Diese betreibt Indonesiens einzige Fabrik für Elektrofahrzeug-Batterien, ist multinational in diesem Bereich tätig und mächtig genug, um durch permanenten Druck den Schutz des Leuser-Ökosystems aufzuweichen. Die Erschließung der Goldvorkommen in Beutong dient somit der Sicherung von Rohstoffen für den globalen Technologiemarkt.
Rettet den Regenwald hat an Automobilproduzenten geschrieben und sie auf die Risiken aufmerksam gemacht. Sie haben es nun schwarz auf weiß, dass die Rohstoffe für ihre Autos in einem ökologisch sensiblen Gebiet abgebaut und indigene Gemeinschaften ihrer Lebensgrundlage beraubt würden. Nach dem deutschen Lieferkettengesetz sind deutsche Unternehmen rechtlich verpflichtet, solche Risiken zu prüfen. Die Geografie spielt uns in die Karten. Beutong liegt im Erdbebengebiet und ist durch Erdrutsche gefährdet, wenn der Wald weg ist.
„Niemals geben wir auf!“, bekräftigt Saudah. „Wir haben den Bezirk im Juni und Juli 2026 ultimativ dazu aufgerufen, endlich die Anerkennung unseres indigenen Territoriums zu unterzeichnen“ – und so die Mine zu verhindern. Doch die lokalen Politiker haben Angst. Am 22. Juli gründen die Bürgerinnen und Bürger von Beutong selbst eine Indigenenbehörde, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Und ihren Wald zu schützen.
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